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Alt 13.02.2010, 11:47
Benutzerbild von Emmamama
Kaiser / Kaiserin
 
Registriert seit: 04.06.2009
Ort: Hilden
Beiträge: 1.177
Blinzeln Der Winter geht zu Ende

Die Katastrophe kündigte sich humpelnd an und begann mit einem lauten Knall: wie ein Peitschenhieb hörte es sich an als die Sehne riss, begleitet von einem schrillen Schrei, den ich nie von diesem Tier vermutet hätte, dessen Stimmlage sich sonst im satten Bassbereich befindet. Ab sofort erfolgte die Fortbewegung dreibeinig.
Der Tierarzt meines Vertrauens machte mir angesichts meiner telefonischen Schilderung wenig Hoffnung auf einen Dorn in der Pfote und reservierte den Operationstermin nach bewährter Methode Aufmachen, kucken, reparieren - seit drei Jahren wachsen meine Erfahrungen mit dem Bewegungsapparat von Caniden und dessen möglichen Defekten ständig und die Zunft der Veterinäre muss sich keine grossen Sorgen wegen der Wirtschaftskrise machen.
Bester Chef von allen wand sich zwar angesichts meines Urlaubswunschs in der neuralgischen Vorweihnachtszeit, gewährte ihn jedoch wegen Krankheitsfall in der Familie, nachdem ich glaubhaft versicherte, telefonisch erreichbar zu sein – wo sollte ich auch hin mit frischoperiertem Tier?

Pünktlich zur OP setzte der Schnee ein.
Mir gruselte nicht nur vor glatten Strassen, sondern auch vor der Aussicht, das liebe Tier im winterlichen Bewegungsdrang zu bändigen, denn das frischoperierte Hundeknie bedarf mindestens zwei Monate Schonung und kontrollierter Bewegung, was nichts anderes als Leinenzwang bedeutet.

Ich wünschte mir vom Wettergott Schnee für Ende Februar, damit die Zuckerschnecke auch in diesem Winter noch in den Genuss ihres Lieblingswetters kommen möge.

Ja! Ich bin Schuld!
Wiedermal habe ich meinen Wunsch beim Universum nicht deutlich formuliert: gemeint war von mir nochmals Schnee Ende Februar und nicht bis Ende Februar.
So schneit es seit gefühlten acht Wochen. Mal mehr, mal weniger.

Die Operation hatte sich gründlich gelohnt, das Hundeknie wurde runderneuert.
Starke Arme waren erforderlich, um das durch Narkose erschlaffte Hundekind auf den Lieblingsplatz unter heimischen Küchentisch zu schaffen, wo sies so laut schnarchend ihren Rausch ausschlief, dass ich zum Telefonieren das Zimmer verlassen musste.

Weihnachten kam, ebenso wie lieber Besuch und weiterer Schnee, und ich war mit meinem misslaunigen Hund Dauergast in der Tierarztpraxis, da sie in einem unbeobachteten Moment einen Teil der Naht aufgekaut hatte, die eine weitere dekorative Narbe auf imposantem Hinterteil werden sollte.
Das Bein zierten nun schicke Strapse, die ich aus meinen Lieblings-Shirts bastelte und die den Zugang zum Verband, der auf nachwachsendem Haarkleid nur noch partiell pappte, erschweren sollte. Der Schmerz liess nach, die Wunde heilte, der Tierarzt schilderte mir in leuchtenden Farben die Konsequenzen einer zu frühen Belastung des tierischen Knies und empfahl zwecks Muskelaufbaus ausdauernde kontrollierte Spaziergänge.

Ich gewann den Kampf gegen Bewegungsdrang und Übermut und fortan trottete die Schnecke gelangweilt und resigniert neben oder hinter mir her, aufgelockert durch den rebellischen Versuch eines Sprungs, der mich in die Nähe eines Herzkaspers brachte.

Die nicht vorhandene Begeisterung zur angeratenen Bewegungsalternative wie Denkaufgaben und Kopfarbeit liessen in mir starke Zweifel an der Haltbarkeit der von mir vor kurzem entdeckten wissenschaflichen Studie entstehen, die besagte, dass Hunde über ähnliche kognitive Fähigkeiten wie ein zweijähriges Kind verfügen.
Jedoch wird mein Vertrauen in die Wissenschaft durch meine kleine Wuschelmaus gestärkt, die diese Fähigkeiten durch ein Sprachvermögen unter Beweis stellt, dem lediglich die Worte fehlen, was insbesondere meine Mum entzückt, die seither auf sie einredet und die Antworten aufgrund des Tonfalls des Gekläffs interpretiert.

Das einstmals geschorene Hundebein ist weitestgehend behaart, die Wunde ist zu einer bildschönen Narbe verheilt, ich habe mich inzwischen daran gewöhnt, dass mir des nächtens als Aufforderung zum Spiel ein Hundehandtuch um die Ohren gehauen wird und meine Interpretationen, wann Ende Februar, der Zeitpunkt für die Leinenbefreiung, ist, werden immer grosszügiger.

Heute Morgen erwachte ich zur Stunde der Dämmerung und wieder wurde mein Schlafzimmer durch dieses unvergleichliche Licht durchdrungen, das Neuschnee mit sich bringt.

Oh, nein!
Nicht schon wieder!
So sehr ich Schnee mag, langsam reicht es mir.
Die warme Daunenjacke, die mich wie die Schwester des Michelin-Manns aussehen lässt, bedarf dringend einer gründlichen Reinigung und obwohl meine Hunde nie stinken, sondern schlimmstenfalls streng riechen, qualifizieren sich die Handschuhe aufgrund ihres Geruchs inzwischen als Sondermüll.
Der Rosenstock auf dem Balkon macht verzweifelte Versuche, erste Blätter zu entwickeln, der Rosmarinstrauch trotzt weiterhin tapfer der Kälte und verkündet duftend seinen Überlebenswillen und auch der Glücksklee hat beschlossen, dass der Winter jetzt ein Ende hat und treibt fröhlich aus.
Mir ist auch nach Frühling.

Hunde ins Auto und ab an den Rhein.
Keine Menschenseele, nur eine weisse, wenn auch sparsame, Neuschneedecke, die die Farben leuchten lässt und die inzwischen so vertraute Stille, die sich über die Wiesen legt.

Hmmm…
Tür auf, Kleinchen springt raus, Emma bleibt mit resigniertem Blick im Auto, der sich in Unglaube verwandelt, als ich „Komm“ sage, ohne die Leine am Halsband zu befestigen.
„Na los!“, fordere ich und schaffe es gerade noch zur Seite, bevor ich umgerannt werde.
Sie fetzt den Deich runter, lautstark flankiert von Klein-Kate, deren sonst weisses Plüschfell im Schnee wie Champagner leuchtet.

Emma gibt Gas, rennt, springt, schmeisst Stöcke um sich, prustet, schnauft, donnert wie eine karamelfarbene Dampfwalze auf mich zu, mit fliegenden Lefzen, die sie aussehen lassen, als ob sie lacht und begräbt mich unter 50 kg Hundeglück.

Wir laufen. Endlich wieder.
Vorbei der Frust der vergangenen Wochen. Mir hat die Bewegung auch gefehlt.
Der Frühling kann kommen!
Emma hatte den gewünschten Schnee Ende Februar
;-)))
__________________

Viele Grüsse, Heike
_____________________________

Der Horizont vieler Menschen ist ein Kreis mit Radius Null - und das nennen sie ihren Standpunkt. (Albert Einstein)


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  #2 (permalink)  
Alt 13.02.2010, 12:48
Gast280210
Gast
 
Beiträge: n/a
Standard AW: Der Winter geht zu Ende

Deine Schilderung einfach erfrischend und zauberhaft. Schön, dass es Euch allen so gut geht.

Dieser Eiertanz erinnert mich an die Rekonvaleszenz von Cara, die wir nun mittlerweile gut überstanden haben. Nach all der Angst vor einem Rückschlag ist es wunderschön zu sehen, wie unsere Lieblinge sich erholen und die pure Lebensfreude durchbricht.

Ja, jetzt kann es Frühling werden.
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  #3 (permalink)  
Alt 13.02.2010, 15:01
Benutzerbild von katinka
Kaiser / Kaiserin
 
Registriert seit: 25.01.2009
Ort: nrw
Beiträge: 1.821
Standard AW: Der Winter geht zu Ende

wunderschön geschrieben, eine freude, das zu lesen
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  #4 (permalink)  
Alt 13.02.2010, 15:29
Benutzerbild von artreju
Schlonzfängerin
 
Registriert seit: 08.09.2008
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Beiträge: 3.456
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Standard AW: Der Winter geht zu Ende

sehr schööön geschrieben, freut mich das Ihr den Schnee doch noch ein wenig geniessen könnt.
__________________
Liebe Grüße von Gaby mit Börr
Sam & Odin für immer im Herzen

http://canecorsofeloce.de/
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  #5 (permalink)  
Alt 13.02.2010, 15:51
S-H Auenländer
 
Registriert seit: 11.09.2008
Ort: Groß Kummerfeld S-H
Beiträge: 1.915
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Standard AW: Der Winter geht zu Ende

Hallo Heike !
Ich habe voller Freude Eure Erlebnisse gelesen und mich köstlich Amüsiert Man kann sich so lebhaft Vorstellen wie Emma sich im Schnee ausgetobt hat Ganz Klasse geschrieben !!!
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  #6 (permalink)  
Alt 13.02.2010, 16:20
Benutzerbild von Gabi
Bonsaielfenbespasserin
 
Registriert seit: 04.06.2008
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Beiträge: 3.211
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Standard AW: Der Winter geht zu Ende

Toll geschrieben.
__________________
liebe Grüsse von Gabi, den Boxerles Aura und Alfons und Knut und Daisy unvergessen hinter der Regenbogenbrücke
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  #7 (permalink)  
Alt 13.02.2010, 16:57
Benutzerbild von sina
Kaiser / Kaiserin
 
Registriert seit: 26.04.2009
Beiträge: 4.149
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Standard AW: Der Winter geht zu Ende

hallo heike,

was für eine schöne geschichte, ich konnte es mir alles bildlich vorstellen!
__________________
Viele Grüße,
Sina, Biene, Calle und Paul
__________________________
Heinrich und alle im Herzen die über den Regenbogen gegangen sind!

Die Natur legt den Grund, der Mensch formt den Hund!
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  #8 (permalink)  
Alt 13.02.2010, 19:03
Ute Ute ist offline
Kaiser / Kaiserin
 
Registriert seit: 05.01.2009
Ort: Ostfriesland
Beiträge: 2.069
Standard AW: Der Winter geht zu Ende

Eine tolle Geschichte mit happy end und ganz super geschrieben
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  #9 (permalink)  
Alt 14.02.2010, 07:34
Benutzerbild von tpgbo
Kaiser / Kaiserin
 
Registriert seit: 01.08.2008
Ort: Bad Oeynhausen
Beiträge: 1.293
Standard AW: Der Winter geht zu Ende

Eine witzig-elegant geschriebene Story!
Vom Stil her erinnert es mich an die Autorin Evelyn Sanders, allerdings schreibt sie über ihre Familie.
Ich habe den Thread echt genossen und bin nun sicher, daß der liebe Gott Dein Flehen nun endlich richtig verstanden hat.

Tanja
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  #10 (permalink)  
Alt 14.02.2010, 08:16
Benutzerbild von Tyson
Kaiser / Kaiserin
 
Registriert seit: 09.09.2006
Ort: In Sachsen Anhalt, im Vorharz
Beiträge: 8.650
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Standard AW: Der Winter geht zu Ende

Heike, Du hast das so toll geschildert, man hat sich "fast dabei" gefühlt. Freut mich, daß es der Maus wieder so gut geht, LG Manuela
__________________
Hunde haben alle guten Eigenschaften der Menschen, ohne gleichzeitig ihre Fehler zu besitzen
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